Halb Mensch, halb Fisch

FreitaucherFreitaucher, auch Apnoetaucher genannt, können – ohne Schaden zu nehmen – bis zu zehn Minuten ohne Luft auskommen und in Tiefen bis 214 Meter vordringen. Wie ist das möglich? Und was hat Apnoetauchen mit Forschung zu tun?

Von: Nicole Basieux

Selbstversuch im Hallenbad Glattbrugg: Ich zwänge mich in einen dicken Neoprenanzug. Der Apnoetrainer Marco Melileo stellt mir die erste Aufgabe: ich soll so lange wie möglich die Luft unter Wasser anhalten. Melileo stoppt die Zeit. Unter Wasser rasen meine Gedanken.. Was tue ich da eigentlich? Warum bekämpfe ich meinen Atemreflex? Das Verlangen nach Luft steigt. Ich gebe auf. Melileo sagt: „28 Sekunden“.
„Wie lange schafft ein Apnoetaucher?“
„Gut zwanzig mal länger.“

Lange Geschichte des Apnoetauchens
Jeder hat als Kind in der Badewanne schon versucht, so lange wie möglich die Luft anzuhalten oder im Schwimmbad so weit wie möglich zu tauchen. Das ist bereits Apnoetauchen. „Apnoe“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „ohne Luft holen“. Archäologische Funde belegen, dass bereits vor 4500 Jahren die Menschen in Japan nach Essbarem tauchten.
Seitdem jedoch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Atemgeräte entwickelt wurden ging das Tauchen ohne Luft vergessen. Nur noch wenige Taucher finden ihre Leidenschaft in dieser Art zu tauchen. Und ganz wenige von ihnen betreiben es als Leistungssport.
Den Weltrekord in der Apnoedisziplin „Ohne Grenzen“ hält der Österreicher Herbert Nitsch. Er stiess bis in eine Tiefe von 214 Metern vor. Bis vor wenigen Jahren dachte man, der Mensch könnte nicht tiefer als 30 Meter tauchen. Denn dort herrscht ein Umgebungsdruck von vier Bar. Darum, so die Theorie, würde die Lunge einfach zusammengedrückt und der Taucher sterben. Nitsch tauchte bei seinem Weltrekord sieben Mal tiefer. Wie ist das möglich und was passiert im Körper eines Apnoetauchers?

Körper auf Sparflamme
Der Mensch ist mit einem Mechanismus ausgestattet, der Tauchreflex genannt wird. Sobald der Körper ins Wasser eintaucht, schaltet er auf Sparflamme: Der Herzschlag sinkt und die Extremitäten wie Arme und Beine werden weniger stark durchblutet. Doch in der Tiefe kommt das Problem des Druckausgleichs. Alle luftgefüllten Räume im Körper werden bei zunehmendem Wasserdruck zusammengepresst. Dank einem weiteren Effekt, der im Wasser auftritt, die sogenannte Blutumverteilung, ist das Vordringen in grosse Tiefen überhaupt möglich.  Die Durchblutung wird dabei vorwiegend auf die lebensnotwendigen Organe konzentriert. Eine Blutanreicherung in den Lungenkapillaren verhindert so auch ein komplettes Zusammendrücken der Lunge.

Tauchen für die Forschung
Im Hallenbad coacht mich Melileo weiter. „Das intensive und aktive Atmen vor dem Abtauchen ist für den Apnoetaucher das A und O.“ Trainierte Apnoetaucher schaffen es mittels einer speziellen Atemtechnik, dem so genannten Karpfen, bis zu zwei Litern mehr Luft in die Lunge zu pumpen. Dieses zusätzliche Lungenvolumen erlaubt zweierlei: zum einen wird der Gehalt an Sauerstoff im Blut gesteigert, womit die Zeit, die man ohne zu Atmen durchhält, verlängert werden kann. Zum anderen dient die dabei entstehende Überblähung als partieller Druckausgleich zum hydrostatischen Druck unter Wasser. Zur Messung der Lungenüberblähung hat die deutsche Lungenspezialistin Frau Dr. Monika Eichinger Apnoe-Taucher beim Karpfen im Kernspinuntomographen untersucht. Sie konnte zeigen, dass die Lungenüberblähung nach Beendigung des Manövers vollständig reversibel ist, die Lunge des Tauchers also wieder zu ihrer ursprüngliche Form und Grösse zurückkehrt (European Respiratory Journal, Okt. 2008, 32(4)).
Also atme ich und tauche dann ab. Totale Entspannung im Wasser. So muss es im Mutterleib gewesen sein, denke ich. Doch das angenehme Gefühl schwindet bald. Die Kampfphase setzt ein. Kopf gegen Körper. Ich halte noch einige Sekunden aus, dann komme ich raus. „Eine Minute und 56 Sekunden“, sagt Melillo und lächelt zufrieden.

Mit Ehrgeiz an die Grenzen
Dank des Trainings können Apnoetaucher unglaubliche Zeiten in der statischen Disziplin aufstellen. Der Weltrekord im statischen Apnoe hält zurzeit der deutsche Tom Sietas mit zehn Minuten und zwölf Sekunden. „Einer von zehn, der zum ersten Mal zu mir ins Training kommt, will zuviel und wird bewusstlos“, erzählt Melileo. Doch das sei nicht weiter schlimm. Sofern man den Bewusstlosen sofort aus dem Wasser zieht und kein Wasser in die Lungen eingedrungen lässt. Bei Wettkämpfen jedoch ist der Ehrgeiz riesig und die Athleten gehen an ihre Grenzen. Oft auch drüber. Bewusstlosigkeit ist keine Seltenheit. Was das für Langzeitfolgen haben könnte, ist noch ungeklärt. Doch wird unter Fachleuten vermutet, dass häufige Bewusstlosigkeit zu Lücken im Langzeitgedächtnis führen kann. Darum werden in Wettkämpfen, um die Risikofreude der Apnoe-Fans nicht zu stimulieren, Tauchgänge gefolgt von Bewusstlosigkeit jedoch nicht gewertet.

Fraglich ob gesund
Auch Peter Nussberger, erfahrener Schweizer Tauchmediziner und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Unterwasser- und Hyperbarmedizin, meint, dass eine extreme Sucht nach Apnoetauchgängen und Rekorden nicht ungefährlich ist. Insbesondere bei ungenügender Vorbereitung und Training. „Andererseits kann die Medizin durch solche extreme Tauchgänge viele Abläufe und Vorgänge in unserem Körper verstehen lernen..“

Zum Ende des Trainings: wieder tauche ich ab. Und kann es jetzt sogar geniessen. Nichts existiert, ausser mein Körper umhüllt von Wasser. Dann meldet sich der erste Atemreflex. Ich kämpfe. Entspanne mich wieder. Der zweite Atemreflex. Wieder Kampf. Noch einmal entspannen und geniessen. Atemreflex zum dritten. Ich gebe auf. Melileo schaut mich an und sagt: „Zwei Minuten und 34 Sekunden.“

~ von basieux - 11. Dezember 2008.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: